Stadt ohne Muff und Mief

Im Kapitelsaal der Burg Lüdinghausen blieb kein Stuhl unbesetzt, als die Stadt gestern zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen hatte. Dr. Hans Wolfgang Schneider, Nina Junke und Rike Liebsch übernahmen die musikalische Gestaltung der Veranstaltung (oben links). Dr. Wilfried Ehbrecht hielt den Vortrag über die Stadtrechte (Mitte). Bürgermeister Borgmann und Heimatvereinsvorsitzender Eberhard Bleich nahmen einen Schluck aus dem Stadtpokal (oben rechts).Fotos: -mib-
-mib- Lüdinghausen. „Wer in Lüdinghausen lebt, der spürt das immer stärkere Wir-Gefühl, weil unsere Stadt offen ist, ohne Muff und ohne Mief, tolerant und weltoffen.“ Das betonte Bürgermeister Richard Borgmann in seiner Rede anlässlich des traditionellen Stadtgeburtstages im Kapitelsaal der Burg Lüdinghausen. Diese Geburtstagsfeier stand in diesem Jahr unter einem ganz besonderen Aspekt, denn Lüdinghausen feierte die Erlangung der Stadtrechte vor 700 Jahren.
Unter den zahlreichen Gästen, die der Vorsitzende des Heimatvereins, Eberhard Bleich, im Kapitelsaal begrüßte, war mit Freiherr von Lüdinghausen-Wolf einer der Nachfahren der Stadtgründer eigens aus der Nähe von Dresden in die Heimat seiner Urväter zum Stadtgeburtstag erschienen.
Dr. Wilfried Ehbrecht, ein Historiker von Rang und Fachmann für Deutsche Stadtgeschichte, erläuterte in seinem Referat, wie Lüdinghausen zu seinen Stadtrechten kam, besser gesagt gekommen sein könnte. „Die Frage nach der Echtheit von Urkunden muss gestellt werden, da keine Originale mehr vorliegen und Abschriften immer wieder bewusst oder unbewusst geändert worden sind“, sagte Ehbrecht. Es gab damals fünf verschiedene Jahresanfänge, so dass nicht der 4. März 1308, sondern der 9. März 1309 das Ausstellungsdatum für die Urkunde zur Verleihung der Stadtrechte ist. Mit der Verleihung der Stadtrechte erhielt Lüdinghausen einen Katalog von Privilegien. Diese lehnten sich stark an das Stadtrecht an, das vom Hochstift Münster bereits 1289 der Stadt Haltern verliehen wurde. Die verschiedenen Linien innerhalb der Stadt waren sich nicht immer einig, so dass Lüdinghausen häufig zum Spielball von weltlichen und theologischen Fürsten wurde und eine wechselhafte Geschichte wie viele Kleinstädte erlebte.
„Herzen, die für Lüdinghausen schlagen“, hatte Bürgermeister Richard Borgmann seine Festrede überschrieben. Als Bürgermeister sei er stolz, dass so viele Herzen für Lüdinghausen schlagen. Wie die Stadt von Lebensfreude und Energie geprägt, voller Schwung und Bewegung ist, und wie kräftig die Herzen in Lüdinghausen schlagen, war im Jubiläumsjahr zu erfahren. „Was macht eine Stadt aus, die 700 Jahre alt beziehungsweise jung geblieben ist? Sind es die drei Burgen, die historischen Gebäude?“, fragte Borgmann, um die Antwort gleich folgen zu lassen: „In erster Linie sind es die Bürger, die den Charakter prägen, die am Teppich der Geschichte mitgeknüpft haben. Sie haben dazu beigetragen, dass auf harte Zeiten ein Neuanfang, ein Aufschwung folgte.“ Borgmann spannte den langen Bogen der zahlreichen Veranstaltungen, beginnend mit der Vertonung von Schillers „Lied von der Glocke“ als musikalischen Auftakt, über das Schwengellangziehen als Osterbrauch, das Kinderstadtfest, die Gewerbeschau, den Festumzug am 8. Juni als absoluten Höhepunkt, den Wettstreit der Rittersleute an der Burg Lüdinghausen, das Rosenfest, das Stadtfest bis hin zur Pflanzung des Kinderwaldes im November.
„Wie haben die Herzen vor Freude geschlagen beim 100-jährigen Bestehen des SC Union 08, bei der Fertigstellung des ersten Teiles des Umbaus der alten Ostwallschule, als der Bau des neuen Sportgeländes in Seppenrade in Angriff genommen oder den Reitern in Seppenrade ein neues Zuhaus errichtet wurde“, sagte der Bürgermeister. Es habe auch einen unruhigen Herzschlag gegeben, so beim Betreiberwechsel des Hallenbades. Dieser Schritt aber habe zur Bearbeitung von drei wichtigen Themenfeldern gehört: Familie stärken, Bildung für alle ermöglichen und ein kinder- und jugendfreundliches Umfeld schaffen. „Nicht in unseren Händen liegen der Bau der Geriatrischen Rehabilitation am St.-Marien-Hospital, der Bau eines Bowlingcenters, eines Kinderlandes oder einer Bürgerhalle. Ob es Träume bleiben, wird 2009 entschieden“, fuhr Borgmann fort. Er dankte allen Unternehmen, den hoch qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und vor allem den Vereinen mit ihrem ehrenamtlichen Engagement, die Lüdinghausen lebenswert machen.
Zusammen mit Eberhard Bleich nahm der Bürgermeister einen Schluck aus dem Stadtpokal auf das Wohl der Stadt. Musikalisch untermalt wurde die Feier mit Musik aus der Zeit um 1300, vorgetragen von Dr. Hans Wolfgang Schneider (Flöte, Gesang), Nina Junke (Violine) und Rike Liebsch (Viola).