Hunger, materielle Not, die Angst um die noch nicht heimgekehrten Väter und Söhne, die Trauer über die verlorene Heimat – als sich vor 75 Jahren die Menschen auf das erste Weihnachtsfest der Nachkriegszeit in Lüdinghausen vorbereiteten, war es schwer, so etwas wie Normalität in das eigene Leben zu bringen. Dies sollte sich erst allmählich ändern.
Bis zur Währungsreform im Juni 1948 gab es vor den Lebensmittelläden oftmals lange Schlangen. Um Nahrungsmittel zu kaufen, musste man Lebensmittelkartenabschnitte einlösen, wobei die tatsächlich abzugebende Nahrungsmittelmenge nur sehr selten für alle Menschen reichte. Hungern war da keine Ausnahme. Wer allerdings über Zigaretten oder Kaffee als gängige Währung verfügte, konnte auf dem Schwarzmarkt kaufen. Noch im Dezember 1947 druckte die Lüdinghauser Zeitung den Weihnachtswunsch ab: „Lieber Weihnachtsmann bring mir statt Kalorien doch satt zu essen!“
Auch Kleidung war Mangelware. So notierte die Lüdinghauserin Anneliese Oebbecke einmal: „Die Kinder sind klein und mager und stecken in viel zu großen Kleidern, aus alten Sachen zusammengenäht, müssen sie auch noch lange passen. Es gibt ja nichts zu kaufen. Kleiderkarten sind zum Ansehen. Die Erwachsenen sehen auch nicht gerade elegant aus. Alte Uniformen, ein bisschen auf Zivil umgearbeitet, können ihre Herkunft nicht verleugnen. Pullover aus Zuckersäcken kratzen furchtbar …“
Da sind die Glücksgefühle, die der seinerzeit an der Wolfsberger Straße wohnende Postjungbote Franz-Josef Hartweg Weihnachten 1945 empfand, gut nachvollziehbar. Er notierte später: „Es war am 1. Weihnachtstag 1945. Mein Vater musste über die Feiertage die Heizung im Postamt versorgen. Da er an diesem Tag krank war, schickte er mich zum Postamt. Als ich in den Keller kam, war die Heizung schon aus. Um Feuer zu machen, lieh ich mir Streichhölzer von einem belgischen Soldaten, der im Keller Wache hielt. Als ich sie später wieder zurückbrachte, nahm er mich mit in seinen Kellerraum. Er wünschte mir frohe Weihnachten und gab mir dabei 1 Tafel Schokolade, 1 Brot, 1 Dose Corned Beef und 20 Zigaretten. Das war für mich das schönste Weihnachtsgeschenk.“
Vor 25 Jahren fand sich unter Leitung von Dr. Ilona Tobüren-Bots eine Gruppe von zwölf Lüdinghauser und Lüdinghauserinnen zusammen, um persönliche Erinnerungen zu einzelnen Themen wie Versorgung, Verkehr, Schulwesen, Kirche, Vertriebene, Politik und Verwaltung aufzuschreiben und einzuordnen. Entstanden ist ein plastisches Bild vom Steverstädter Leben in den Jahren 1945-1948. Die eindrucksvolle Sammlung ist 1997 unter dem Titel „Zeiten der Unsicherheit, Lüdinghausen zwischen Kriegsende und Währungsreform“ als Heft 11 der Reihe Lüdinghauser Geschichtshefte erschienen.
Die Vorbereitungen für die vom Kreis Coesfeld und der Stadt Lüdinghausen geplanten und coronabedingt in der Steverstadt nicht eröffneten Ausstellung „75 Jahre nach Kriegsende“ brachten Geschichtsaktive beim Heimatverein Lüdinghausen auf die Idee, dieses lange vergriffene Geschichtsheft als Reprint neu aufzulegen.
Das mehr als 200 Seiten umfassende Heft ist für 8,00 Euro bei Lüdinghausen Marketing erhältlich.